Der wilde Grieche Teodor Currentzis, einer der größten Dirigenten der Welt, erhält das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, die höchste Kulturauszeichnung des Landes. Von ELISABETH HIRSCHMANN-ALTZINGER.

Da steht er lang und hager und strahlt und hüpft von einem Bein aufs andere, wedelt wie ein euphorischer Königsalbatros mit seinen langen, flatternden Armen, ein durchgeknallter Bandleader und eleganter Ballettmeister: Der wilde Grieche Teodor Currentzis, der mit seinen Originalklang-Ensembles MusicAeterna und Utopia der Musikwelt seit 20 Jahren den Kopf verdreht, stellt das Nonplusultra des historisch informierten Musizierens dar. Er klatscht, schnippt mit den Fingern, stampft mit den Füßen und wiederholt in einem Wahnsinnstempo rhythmische Figuren. Die Augen sprühen, der Körper vibriert, der Kopf fliegt von einer Seite zur anderen. Der Dirigent trägt jede Note, jeden Akzent, jede Bewegung, jeden Zusammenklang, alle vertikalen und horizontalen Ereignisse der Musik in sich. „Die Musik ist das Echo des Paradieses“, sagt er. Und: „Wir suchen den Zugang zum Paradies.“
Ausdrucksextremist. Geboren und aufgewachsen ist Teodor Currentzis in Athen, studiert hat er am Sankt Petersburger Konservatorium beim legendären Dirigierprofessor Ilja Alexandrowitsch Mussin, dem Mentor aller berühmten russischen Dirigenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 2004 hat der hochmusikalische Exzentriker als Chefdirigent der Oper in Nowosibirsk aus den besten Studenten aller Musikhochschulen Russlands das Ensemble MusicAeterna und den MusicAeterna Chor geschaffen, mit denen er 2011 als Musikdirektor ans Opern- und Balletttheater in Perm am Ural, dem früheren Zentrum der sowjetischen Kriegsindustrie, übersiedelte. In den folgenden Jahren hat der weltweit gehypte, polarisierende Maestro Sensationserfolge gefeiert. Der Ausdrucksextremist aus der sibirisch-uralvorländischen Einöde lässt die Konkurrenz in den westlichen Metropolen blass aussehen. Teodor der Große, der seine Auftritte stets theatralisch inszeniert, pflegt sein Image als Guru und Utopiker. Die Haare fliegen, die Hände malen Kringel in den Raum, er predigt Liebe und das Dionysische. Ein Ekstatiker am Dirigentenpult, ein Egozentriker im Salon, ein Eremit aus den schneebedeckten russischen Wäldern. Der Ex-Gothic Punk und Anarchist, der zu den Dead Kennedys tanzt, sein eigenes Parfum kreiert, gelegentlich Gaze-Röckchen, Plateausohlen und Mascara trägt, wird in einer Musikkultur zur Sensation, die zwar Bach, Mozart und Schubert hervorgebracht hat, in der es heute aber weniger Exzentriker gibt als unter Blumenzüchtern und Filmemachern.
Als Currentzis in Perm „Don Giovanni“ aufnahm, kleidete er sich abgestimmt auf die jeweiligen Szenen: In Bauernkostüm und Pluderhemd, im goldbestickten Gewand und für die großen Finale mit Anzug und Krawatte. Vor einem Konzert mit Bach-Motetten räuchert er sein Dirigentenzimmer mit Weihrauch ein. Bei Mozarts Requiem betritt eine Ansammlung von schwarz-mönchisch gewandeten Sängern und Musikern die Bühne und singt und spielt bei Kerzenlicht die geniale Totenmesse, über welcher der göttliche Salzburger starb. Um seinen Lebens- und Arbeitsstil ranken sich Legenden. Currentzis probt bis tief in die Nacht, sein Perfektionismus ist grenzenlos, er bildet eine verschworene Gemeinschaft mit seinen Musikern. Seine MusicAeterna sucht ihresgleichen an Niveau und Lebendigkeit des Musizierens. Mit einem aufregend rauen Klangbild, frechen Phrasierungen und kompromisslos im Ausdruck fährt der griechische Ausnahmedirigent volles Risiko. Bis auf die Celli und die Kontrabässe spielen die Musiker im Stehen, was das Drängende der Botschaft, die musikalisch vermittelt wird, unterstreicht. Klangscharf, kontrastreich und agogisch kalkuliert, versetzt Currentzis Spieler und Hörer in Alarmstimmung; die Tempi sind rasend gewählt, die Akzente hart gesetzt, Crescendi ähneln Windstößen, dramatische Entladungen Donnerwettern. Wie ein Vogelschwarm stieben die Stimmgruppen des Orchesters durch die Partitur. Der Orchesterklang ist warm, weich und luftig, neben einer fantastischen Virtuosität verblüfft die Subtilität des Musizierens. Obwohl Currentzis auch klassisches, romantisches und zeitgenössisches Repertoire dirigiert, sind Klang und Temperament seiner MusicAeterna undenkbar ohne die Erfahrungen mit barocken Spielpraktiken, wie seine Rameau- oder Purcell-Aufführungen beweisen. Leicht werden die Bögen angesetzt, der Klang wirkt zerbrechlich oder kraftstrotzend, aber stets voller Kontur.
Selbstgerecht und scheinheilig. Im Juli 2019 hat sich Currentzis von der Oper in Perm verabschiedet, um als Chefdirigent der seither in Sankt Petersburg residierenden MusicAeterna und des SWR Symphonieorchesters frei zu arbeiten. „Ohne das völlige Unverständnis der Behörden und das Fehlen von Ehrfurcht hätte ich nicht die Kraft aufgebracht, mein Himmelreich zu verlassen“, sagt er pathetisch. Im Zuge von Putins im Februar 2022 begonnenem Angriffskrieg auf die Ukraine ist der charismatische Weltklasse-Dirigent mit seiner hinreißenden russischen Eingreiftruppe, die von der kremlnahen VTB-Bank und von Gazprom gesponsert wird, bei den ebenso selbstgerechten wie scheinheiligen westlichen Feuilleton-Schreibern in Ungnade gefallen. Vom sicheren Hort einer öffentlich-rechtlich finanzierten Kultur im Westen lässt sich trefflich „Haltung“ fordern. Man muss sich nur die mit ihren Familien in Russland lebenden Musiker, für die Currentzis verantwortlich ist, und die Androhungen russischer Strafen sogar für die Verwendung des Wortes „Krieg“ vorstellen. Verlangt wird von Currentzis, dass er den Krieg gegen die Ukraine öffentlich kritisiert, was zur Folge hätte, dass er selbst im Gefängnis landen und die seit sechs Jahren in Sankt Petersburg ansässige MusicAeterna aufgelöst würde. Versucht hat er es schon, mit seiner hinreißenden Barock-Band im Wester dauerhaft Fuß zu fassen. 2018 bewarb er sich an der Seite des norwegischen Regisseurs Stefan Herheim als Intendant des Theaters an der Wien. Wäre seine MusicAeterna neben den Wiener Symphonikern und dem RSO Wien hier auch noch stationiert, würde das Theater an der Wien die doppelte Subvention brauchen.
Infames Mobbing. Der italienische Gesamtkunstwerker Romeo Castellucci, mit dem Currentzis bei den Salzburger Festspielen 2021 und 2024 einen atemberaubenden „Don Giovanni“ und 2022 die furiose, krass kontrastierende Doppelperformance von Béla Bartóks Operneinakter „Herzog Blaubarts Burg“ und Carl Orffs Weltuntergangsoratorium „De temporum fine comoedia“ fertigte, empört sich über das infame Mobbing der westlichen Presse: „In Russland riskiert man schon für bestimmte Aussagen sein Leben. Viele russische Künstler sind Geiseln Putins, gelähmt von der Drohung, dass sie mundtot gemacht werden oder ihr Land für immer verlassen müssen, wenn sie Putin verurteilen. Andere aufzufordern, sich selbst zu verbrennen, während man es sich auf dem Sofa bequem gemacht hat, ist einfach nur schamlos.“
Seit 2017 ist der griechische Maestrissimo Star der Salzburger Festspiele. 2022 musizierte er mit seiner MusicAeterna und dem Gustav-Mahler-Jugendorchester zwei Symphonien von Dmitri Schostakowitsch, der mit seiner Musik Widerstand gegen die Diktatur Stalins geleistet hatte: die 13. Symphonie b-Moll „Babi Jar“ – zum Gedenken an ein Massaker, das die SS 1941 an 33.000 ukrainischen Juden in Babyn Jar bei Kiew verübt hatte – und die Vierzehnte, die Todeslieder-Symphonie, die er mit Henry Purcells meisterhafter Barockoper „Dido and Aeneas“ über den Liebestod der Königin von Karthago kontrastierte. Dass Currentzis mit seiner Programmwahl Stellung bezieht, übersieht der journalistische Eifer naturgemäß. „Ich bin vor allem Europäer und Grieche“, sagt er. „Griechenland hat die Demokratie erfunden. Das Wort bedeutet mir viel. Es bedeutet, dass jeder Mensch über sich selbst entscheiden kann.“ Nur bei den Salzburger Festspielen, dem wichtigsten Festival des Landes, darf Currentzis in Österreich noch auftreten. In Weltstädten wie Paris, Berlin, Hamburg, München, Zürich, Genf, Luxemburg, Antwerpen, Rom, Madrid, Barcelona oder Athen ist er ebenso wie in Moskau, Sankt Petersburg oder Perm mit seinen tollen Ensembles bejubelter Gast.
Multinationales Orchesterprojekt. Im Herbst 2022 hat Teodor Currentzis ein grandioses, multinationales Orchesterprojekt ins Leben gerufen: Utopia mit 112 Musikern aus 28 Ländern, darunter Russen und Ukrainer. Finanziert wird Utopia von Dietrich Mateschitz’ Kunst und Kultur DM Privatstiftung und europäischen Mäzenen, also ganz ohne russisches Geld. „Utopia ist ein Traumprojekt“, sagt Currentzis. „Wir sind eine kreative Gemeinschaft, die sich der Suche nach dem besten Klang und dem wahren Geist der Musik verschrieben hat. Zusammen bringen wir die Liebe zum Klingen. Es ist utopisch, Musik zu machen und von einer besseren Welt zu träumen.“
Seinen 2016 begonnenen, vom Publikum gestürmten Zyklus im Wiener Konzerthaus musste Teodor Currentzis 2023 beenden. Konzerthauschef Matthias Naske hatte – wie so viele westliche Veranstalter – schon 2022 der MusicAeterna keine Auftrittsmöglichkeiten mehr gegeben. Das Konzerthaus-Programm ist ohne den wilden Griechen deutlich unattraktiver geworden. Ein Benefizkonzert zugunsten der Ukraine im April 2022 wurde auf Wunsch des ukrainischen Botschafters in Wien abgesagt. Dabei wird völlig ignoriert, dass Teodor Currentzis in mehreren Interviews und Gesprächen sich als radikaler Gegner von Krieg und Gewalt bezeichnet hat und dass seine häufige Programmierung von Werken gegen den Krieg ihn als Pazifisten auszeichnet. Dass der ukrainische Botschafter in Wien bestimmen kann, welche Konzerte in Wien gespielt werden dürfen, ist ja kaum zu glauben. Sinnvoller wäre es, würden er und die ukrainischen Demonstranten, die vor Auftritten von Teodor Currentzis oder Anna Netrebko in ohnehin verschwindender Zahl sich vor den Konzert- oder Opernhäusern versammeln, gegen die Korruption in ihrem eigenen Land protestieren.
Totenmesse gegen den Krieg. Erstaunliches hat sich 2024 auch bei den Wiener Festwochen zugetragen. Unter dem Titel „Die revolutionäre Kraft der Musik“ hatte der Intendant Milo Rau zwei Antikriegswerke programmiert: Am 2. Juni führte die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv mit dem Kyiv Symphony Orchestra im Konzerthaus das Kaddish Requiem „Babyn Yar“ von Jevhen Stankovych auf, am 12. Juni hätte Teodor Currentzis mit dem (deutschen!) SWR Symphonieorchester, dessen Chefdirigent er von 2018 bis 2024 war, im Burgtheater Benjamin Brittens monumentales „War Requiem“ musizieren sollen. Der große englische Komponist und überzeugte Pazifist hatte die Totenmesse für die Wiedereröffnung der im Zweiten Weltkrieg durch die Nazis zerstörten Kathedrale von Coventry am 30. Mai 1962 komponiert. Auch mit Brittens „War Requiem“, einem Meisterwerk der Trauer, der Versöhnung und des Aufbruchs, bezieht Currentzis eindeutig Stellung gegen den Krieg. „Ich glaube an Wunder“, sagt er. „Unsere Gebete werden nicht an der Decke des Konzertsaals gestoppt, sondern durchbrechen sie, sodass die Sonne hereinscheinen kann. Wenn man daran glaubt, dass Wunder passieren, dann passieren sie auch.“
Aufgehetzt von einem aggressiven deutschen Blogger, dem der Versuch, prominente Kulturschaffende wie den englischen Stardirigenten Sir Simon Rattle, die russische Primadonna Anna Netrebko oder den Intendanten der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, vom Thron zu stürzen, anscheinend großen Spaß macht, protestierte die höchstens mittelmäßige ukrainische Dirigentin auf äußerst unkollegiale Art gegen den Auftritt des Meisters, der das Highlight der Wiener Festwochen gewesen wäre, und Currentzis wurde ausgeladen. Wiener Musikfreunde, die ihn mit Brittens „War Requiem“ hören wollten, mussten nach Stuttgart oder in die Elbphilharmonie nach Hamburg fahren. In Deutschland darf Teodor der Große nämlich auftreten. In Frankreich übrigens auch, wo er im Jänner und Februar 2025 an der Pariser Oper Rameaus tragédie „Castor et Pollux“, ebenfalls ein Meisterwerk gegen den Krieg, dirigiert hat – eine furiose Produktion, die im vergangenen Sommer auch bei den Salzburger Festspielen zu erleben war.
Militarisierung der Kunst. In seinem jüngsten Buch „Was nun? Eine Philosophie der Krise“ beklagt der renommierte österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann die vorherrschende Cancel Culture: „Die Cancel Culture findet ihr Telos nicht in der Auseinandersetzung, sondern in deren Verhinderung.“ Als Folge des russischen Krieges russische Musik, Literatur oder Künstler zu canceln, nennt Liessmann die „Militarisierung“ der Kultur. „Die Tendenz, Kunst vorrangig nach politisch-moralischen Gesichtspunkten zu beurteilen“, bezeichnet Liessmann als „verhängnisvoll“. „Cancel Culture erweist sich oft als Ressentiment im hehren Gewande der Moral, selbstgefällig und denkfaul, aber machtbewusst.“ Und: „Kunst hat keine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Kunst ist Form gewordene Verantwortungslosigkeit. Faktentreue, politisches Bekenntnis, Aktivismus und Weltveränderungsgelüste sind der Tod der Kunst.“

Jüngst hat Teodor Currentzis sein eigenes Plattenlabel Theta gegründet; der griechische Buchstabe Θ/ϑ (Theta), mit dem sein Name Θεόδωρος (Theodoros) beginnt, verweist auf seine griechische Herkunft. Die ersten CDs, Bruckners „Neunte“ und Mahlers 3. Symphonie, eingespielt mit seinem hinreißenden Klangkörper Utopia im Funkhaus Berlin, sollen noch 2025 erscheinen. „Mit Theta wollen wir den Traum vom perfekten Klang verwirklichen“, sagt Teodor Currentzis. „Theta ist unsere Strategie für eine neue Utopie, ein Heiligtum, wo die profunden Visionen von Musikern, bildenden Künstlern, Tontechnikern und Klangdesignern verschmelzen, um die Grenzen der Musik neu zu bestimmen.“
Freiheit der Kunst. Besagter, auf „Skandale“ und die „Militarisierung“ der Kunst spezialisierter Blogger versucht nun wieder sein Glück. Teodor Currentzis soll wegen seiner „hochstehenden künstlerischen Leistungen“ verdientermaßen das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst erhalten, die höchste Kulturauszeichnung des Landes, mit der automatisch die Aufnahme in die Kunstkurie verbunden ist. Erwählt hat ihn die Kurie der bereits Ausgezeichneten, verkündet hat die Wahl Kulturminister Andreas Babler, Bundespräsident Alexander Van der Bellen muss die Urkunde unterzeichnen. Der Blogger schreit hysterisch auf und spricht von „Bomben auf Kiew“, „all den toten Zivilisten“, den „Cyber- und Drohnen-Angriffen auf Europa“, als wäre Teodor Currentzis ein russischer Kriegstreiber und nicht ein griechischer Ausnahmedirigent. Die österreichische Journaille inklusive einiger sogenannter „Qualitätszeitungen“ schreibt den Unsinn ab, und fertig ist die künstlich geschürte Erregung. Auch ein ukrainischer Rocksänger und schon wieder der ukrainische Botschafter in Wien geben ihren Senf dazu.
Entscheidungen über die Verleihung des Ehrenzeichens beruhten „ausschließlich auf der herausragenden schöpferischen Leistung einer Person und ihrem Beitrag zur Kunst“, lässt die Kunstkurie wissen. Und der Kurienvorsitzende Peter Noever sagt: „Die Kurie bewertet keine politischen Einstellungen und trifft keinerlei Aussagen zu weltpolitischen Fragen oder aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten.“ Man entziehe sich parteipolitischer Vereinnahmung und sei gerade in schwierigen Zeiten „Werten wie Humanität, Vielstimmigkeit und der Freiheit des künstlerischen Schaffens verpflichtet. Die Kurie bekennt sich zum Grundprinzip der Freiheit der Kunst.“
Elisabeth Hirschmann-Altzinger
Fotocredit: Anton Zavyalov, Olya Runyova, SF/Marco Borrelli, SF/Monika Rittershaus (2)
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